Aus Arfurts Ortsgeschichte

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In einer alten Urkunde heißt es: "Arenforth, dessen Geschichte die nemliche mit Villmar ist, wohin es auch ins Gericht gehört, hat 52 Häuser, 36 Scheuren, 44 Stallungen, 48 Burger, 6 Beisassen, dann 650 Morgen Ackerlandes, 50 Morgen Wiesen, nebst ansehnlichen Waldungen, wovon der größte Theil auf runklischer Hoheit liegt, diese gränzen gegen Morgen, Abend und Mitternacht an Runkel, und gegen Mittag an die Lahn."

Was die schon oben genannte Fähre angeht, so ersieht man aus einem Lehensbrief vom 1.1.1749 folgendes: Zum Unterhalt des Fährmanns gehörten Ländereien, desgleichen Naturalien, die jeder Arfurter Bürger und jeder in Arfurt begüterte Villmarer an ihn zu richten hatte. Außerdem bezog er von dem Villmarer Müller noch 10 Simmer Korn. Alle anderen Personen, die nicht Einwohner von Arfurt oder Villmar waren, mußten den gebührlichen Fährlohn bezahlen. Arme Katholiken, die den Gottesdienst in Villmar besuchen wollten, durften frei überfahren. Der Überfahrtsnachen mußte so beschaffen sein, daß 5-6 Esel und anderes Vieh übergesetzt werden konnte und niemand "darin überzufahren billig zu beforchten habe."

Der große Brand im Jahr 1831

Wenige Jahre nach dem Bau der neuen Kirche wäre sie um ein Haar ein Raub der Flammen geworden. So wird uns dieses Ereignis überliefert: Gewaltiger Schrecken bemächtigte sich der Bewohner Arfurts, als ein verheerender Brand im Dezember 1831 das ganze Dorf zu vernichten drohte. Der Nachtwächter Dienst hatte eben seinen Rundgang um Mitternacht beendet, und suchte mit Laterne und Knotenstock in den Händen seine Wohnung in der Sackgasse auf. Vor seinem Eintreten ins Haus schaute er sich noch einmal auf der Treppe um. Da gewahrte er eine plötzliche Helle, die von der Mittelgasse kam, und erkannte, daß ein Brand in einem Haus ausgebrochen war. Schnell eilte Dienst zum Schultheiß Lambert Dormagen. Dieser ließ sofort durch den Polizeidiener Alarm schlagen und sandte Boten nach Villmar, Seelbach und Schadeck, damit von dort Hilfe käme. Fuhrwerke eilten zur Lahn, um Wasser herbeizuschaffen. Die kleine Feuerspritze wurde geholt, und die Bürger liefen mit Feuereimern in den Händen zur Brandstätte. Mit übermenschlicher Anstrengung wurde gearbeitet, aber des Feuers wurde man nicht Herr. Ein Gebäude nach dem anderen fiel in Asche. Viele Einwohner verloren dabei ihr ganzes Hab und Gut.

Das Feuer kam so unerwartet, daß manche nur mit Mühe das nackte Leben retten konnten. Ein Landwirt suchte wenigstens einen mit Frucht beladenen Wagen, der am nächsten Tag zum Markt nach Diez gebracht werden sollte, zu retten. Es gelang ihm nicht. Kranke mußten in höchster Eile fortgetragen werden. Der Ostwind trieb das Feuer immer mehr nach Westen und äscherte Haus um Haus ein. Erst bei dem Gebäude Langgasse 140 kam der Brand zum Stillstand. Über der Türe dieses Hauses stand merkwürdigerweise folgende Inschrift, die auch heute noch zu lesen ist:

In Gottes Gewalt stehe ich,

Christian Flach und Eva, Eheleute, bauten mich

Anno 1719, den 14. Martius.

Die Not für viele Bewohner von Arfurt im Winter 1831-32 war groß. Doch die Mildtätigkeit der Verschonten half. Die Häuser wurden wieder alle, jedoch zweckmäßiger als früher, aufgebaut.

Die Lahnschiffahrt

Die Bewohner Arfurts fanden in früheren Jahrhunderten ihren Lebensunterhalt hauptsächlich durch Ackerbau und Viehzucht. Als aber in der Nassauischen Zeit anfangs des 19. Jahrhunderts die Lahn schiffbar gemacht wurde, wandten sich viele der Schiffahrt zu. Einige waren selbst Besitzer von Kähnen, die mit Eisenstein beladen von ihnen zu den Rheinhäfen geleitet wurden. Andere beförderten als Fuhrleute mit ihren Pferden die leeren Schiffe wieder lahnaufwärts. Leider sind die letzten Männer, die sich noch kurz dieser Zeiten erinnern könnten, vor einigen Jahren gestorben. Wie sie berichteten, war es z.B. wichtig, daß man am Bug des Schiffes, wo das Seil befestigt war, ein Beil liegen mußte. Es konnte ja vorkommen, daß an besonders schwierigen Stellen, wo die Strömung zu stark war, die Pferde in Gefahr kamen, ins Wasser gerissen zu werden. Um sie zu retten, mußte das Seil durchgeschlagen werden. Da Arfurt eine Umspannstation war, herrschte damals hier reges Leben. 2 Häuser in der Nähe der Lahn dienten den Schiffern als Gaststätte und Unterkunft. Mit dem Beginn des Bahnbaues 1860 hörte die Lahnschiffahrt fast vollständig auf, und es trat ein Rückschlag im Verdienst ein.

Die Wanderung nach dem Niederland

Nun begann die Wanderung. Im Rheinland und in Westfalen entstandt damals die aufblühende Industrie. Dort waren Arbeitsplätze genug vorhanden, besonders im Maurerhandwerk. Wer von zu Hause abkommen konnte, packte seine Sachen und trug sie bis nach Runkel, um dann mit der Bahn nach dem "Niederland", wie man sagte, zu reisen. Am Tage nach dem Weißen Sonntag zogen die meisten Handwerker fort nach dem Niederland (Rhld.) und fanden dort ihre Arbeit.

Am Tage vor der Arfurter Kirmes (Martini) kamen sie wieder nach Hause. Es gab dann ein großes Wiedersehen uns entsprechend fiel auch die Kirmesfeier aus.Der dahmalige Lehrer Staudt, der fast ein Menschenalter in Arfurt tätig war, ließ beim Fortgehen der Niederländer seine Schüler das Lied "Hinaus in die Ferne", und im Herbst bei der Heimkehr das Lied "Alle Vögel sind schon da" singen. Er kannte ja seine "Vögel". Waren doch viele von ihnen seine Schüler gewesen.

Bis zum Kriege arbeiteten viele Maurer und Zimmerleute des Dorfes im Niederland, wie es auch heute bei ihnen noch heißt. Wenn man sonntags in der Gaststätte sitzt und den Gesprächen der ehemaligen Niederländer beim Sonntagsschoppen lauscht, kamm man sich ein ungefähres Bild machen von den Stätten und der Art ihrer Arbeit, aber auch von den Freuden und lustigen Begebenheiten, die sich dort unten zugetragen haben.

Die Arfurter Papiermühle

Ein Zweig der heimatlichen Industrie war im vergangenen Jahrhundert die Papiererzeugung. Ch. Hardt aus Ennerich baute 1830 am Linnenbach eine Papiermühle und begann sofort mit der Herstellung mehrerer Papiersorten. An Wasserlaufzins mußte er 10 Gulden bezahlen, obwohl der kleine Bach bei Hitze oder Frost die Mühle nicht treiben konnte. In guten Jahren konnte die Mühle 6 Monate, in schlechten nur 4 Monate arbeiten. Hardt hatte deshalb vor, oberhalb der Mühle einen Stauweiher anzulegen. Doch die Bauern wollten für ihre Wiesen so viel Geld haben, daß er davon Abstand nahm. Notgedrungen mußte er daher schon 1839 die Papierherstellung aufgeben und seinen Betrieb auf Pappdeckelfabrikation umstellen. Doch auch dadurch kam er auf die Dauer nicht auf seine Kosten. 1846 verkaufte er deshalb die Mühle an Adam Trost aus Arfurt. Doch auch unter diesem wurde das Unternehmen nicht ertragfähiger. Als sich nach seinem Tod seine Witwe mit Heinrich Dickopf aus Arfurt verheiratete, nahm das Geschäft einen Aufschwung. Mit einem Pferdefuhrwerk brachte der Besitzer die fertigen Waren bis Niederlahnstein und kaufte auf dem Rückweg die nötigen Abfallprodukte auf. Der von Hardt geplante Weiher wurde nun oberhalb der Mühle wirklich angelegt. Noch heute heißt dieser Teil der Gemarkung die "Weiherwiese". Die von Dickopf hergestellten Pappdeckel hatten einen guten Ruf, da die Pappe sehr zähe war. Ihr Absatz soll sich sogar bis ins Ausland erstreckt haben. Nach dem Tod Dickopfs führte seine Witwe das Geschäft noch einige Jahre weiter und gab es 1879 auf. Das anwesen wurde später umgebaut und diehnt heute als Wohnhaus. Doch heißt es bis auf den heutigen Tag im Volksmund die Papiermühle. Auf eine inzwischen verschwundene Berufsgruppe unseres Dorfes sei noch kurz hingewiesen, nämlich auf die Arfurter Berufsmusiker. Sie reisten alljährlich nach England; und weil sie tüchtige Spielleute waren, wurden sie von den Herrschaften gut bezahlt. Im August kamen sie von England zurück und spielten in Arfurt und der ganzen Umgegend auf der Kirmes. Die Arfurter Musikanten sind in dem Buch der "Weilburger 1000-Jahrfeier" oft genannt.

 

Theo Stahl

Arfurter Grün

Das war gerade vor etwas mehr als 100 Jahren. Da erkundigte sich ein Studiosus der technischen Chemie, der nach langem Fußmarsch in Runkel war, nach dem Weg nach Arfurt. Der junge Mann war der Sohn des Pfarrers von Heilsbronn bei Ansbach und hatte seine Studien bei Professor Justus Liebig in München erfolgreich zum Abschluß gebracht. Es mag seltsam erscheinen, daß einer aus dem Frankenland, einer, der von der Universität München kommt, ausgerechnet nach Arfurt will. Aber das hatte schon seinen vernünftigen Grund. Der Studiosus Fritz Muck beschäftigte sich unter der Anleitung Liebigs mit den Erdfarben. Ganz besonders hatte es ihm der Ocker angetan, der im Laboratorium seine letzten Geheimnisse hergeben mußte und so lange bearbeitet wurde, bis er veredelt und als Farbe brauchbar war. Nun findet man den Ocker nicht so leicht wie Lehm. Ocker ist ein erdiges Eisenoxyd von gelber bis brauner Farbe, das durch die Verwitterung des Braun- oder Roteisensteins entsteht. Die Geologen in München erklärten, daß nirgends so viel Ocker vorkomme wie im Herzogtum Nassau. Deshalb also war der junge Chemiker nach Runkel gekommen und entschlossen, dem Ocker an Ort und Stelle zu Leibe zu rücken. Der Grundbesitzer Schenk von Obertiefenbach hatte mehrere Ockergruben, darunter auch eine, die in der Gemarkung Seelbach lag. Er scheint allerdings wenig Freude daran gehabt zu haben, denn er verkaufte sie an einen Herrn Thode aus Mannheim. Da nun Thode einen Chemiker suchte, der mit dem ganzen Rüstzeug der damaligen Wissenschaft ausgerüstet war, besann sich Fritz Muck nicht lange und übernahm es, die Ockergrube, die zwischen Arfurt und Seelbach lag, neu in Betrieb zu setzen.

Das Ockervorkommen lag in einem für die Lahntalgegend charakteristischen trockenen Tälchen. Nicht weit davon schlängelt sich, von Seelbach kommend, ein Wasserlauf, der sich in sanften Bogen zur Lahn wendet. Da, wo er den Ostrand der Gemeinde Arfurt berührt, liegt Heymanns Mühle. Sie soll nach dem Dreißigjährigen Krieg von einem Zugewanderten von der Ahr erbaut worden sein. Die heutige Menschheit weiß nichts mehr von der Zeit, da der Müller mit seinem Esel das Getreide bei den Bauern abgeholt und Mehl sowie Kleie zurückgebracht hat. Nur der Name des Weges, der bis auf den heutigen Tag Eselweg heißt, erinnert noch an jene Zeit. Der Mühle gegenüber steigt das Gelände etwas an und bildet schließlich eine Terrasse, die von Weiß- und Schwarzdornhecken abgeschlossen wird. An dieser Stelle fand Fritz Muck die kleine Ockermühle vor. Sie hatte zwei stehende Steine, ähnlich den Ölquetschmühlen. Der Antrieb erfolgte durch einen Pferdegöpel oder "Roßgang"; weiterhin war eine Siebvorrichtung aufgebaut, und ein kleiner Anbau mit Lehmwänden diente als Laboratorium. Der Schlämmkasten, der zur trennung der Farberde von den mineralischen Beimengungen diente, war im Freien aufgestellt. Das war alles, was Fritz Muck vorfand. Da er Humor hatte, schickte er seine lustige Schilderung von diesem Betrieb an seine Eltern und gab ihnen gleichzeitig seine Pläne kund, was er aus diesem verpfuschten Betrieb machen wollte. und wirklich, der Erfolg blieb nicht aus. Die alte Anlage wurde abgebrochen, und es wurde eine neue geschaffen, in der er nach seinem Verfahren den Ocker aufbereitete und veredelte. In den Wintermonaten 1859/60 schaffte er sich alles Erforderliche für sein Laboratorium herbei. Die Laboratoriumseinrichtungen kamen aus Frankfurt, Darmstadt und Wiesbaden und waren nach seinen Plänen zusammengestellt. Die teuren Geräte, besonders eine Präzisionswage, konnte er unmöglich bei der Ockermühle aufstellen. Er mietete sich deshalb in Arfurt am Runkeler Weg ein Haus, in dem er unten das Laboratorium und oben ein Büro einrichtete. Natürlich mußte er auch viele technisch Arbeiten ausführen, nämlich Überwachung und Leitung der Tagebauanlagen, Schlämmversuche mit den Rohmaterialien, Herstellung veredelter Ockersorten und Entwürfe für eine Reihe weiterer geplanter Bauten. Mucks Tätigkeit zeigte bald Früchte. Seine systematischen Arbeiten ließen ihn Erdfarben in allen Tönen herstellen, besonders gelbe, braune, kreßfarbene und vor allem grüne. Die grüne Farbe wurde besonders geschätzt und gesucht. Die Tapetenfabrikanten, die Maler und die Materialienhändler hatten schnell einen Namen dafür: "Arfurter Grün". Mucks erfolge wurden immer größer. Berühmte Chemiker kamen nach Arfurt und holten sich bei ihm Auskunft und Anregungen. Der berühmte Dr. Fresenius in Wiesbaden hatte von Muck die höchste Meinung. Er nannte ihn den Chemiker der Lahn.

Der neugierige Leser könnte jetzt fragen: Ja, was ist denn aus dem großartigen Betrieb geworden? Warum hat den das Arfurter Grün das Schweinfurter Grün nicht zugedeckt, wenn es doch so gut war? Nun, es ging damals schon so zu, wie es auch heute zugeht. Das schöne Wort Rentabilität steht bei allen Unternehmungen an der Spitze. Die Ockergrube war nach Ansicht ihres Besitzers Thode nicht einträglich genug. Es wird tatsächlich so gewesen sein. Die Tageserzeugung betrug im Durchschnitt zwölf bis vierzehn Zentner. Die Farben wurden in Säcken verpackt und mit dem Pferdefuhrwerk nach Runkel und Limburg gefahren. Das verteuerte die Ware ganz erheblich. Wohl wurde um diese Zeit mit dem Bau der Lahnbahn begonnen, jedoch wollte der Grubenbesitzer nicht so lange warten, bis Arfurt einen Bahnhof hatte. Er wollte den Betrieb nach Dehrn verlegen, weil dort die billigere Schiffsfracht ausgenutzt werden konnte Aber auch noch in Dehrn war der Betrieb noch zu kostspielig, weshalb er nach Honeff an den Rhein verlegt wurde. Bald darauf trennte sich Muck von dem Grubenbesitzer Thode und wandte sich der Chemie der Steinkohle zu. Er war der erste, der das Wesen der Steinkohle erkannte, und wurde zum Begründer der Steinkohlenchemie im Ruhrgebiet. Gewiß war der Aufenthalt im Lahntal nur ein Zwischenspiel im reichen Leben dieses großen Mannes; aber er hat auch in späteren Jahren, als er ein Gelehrter und Forscher von Weltruf geworden war, dem Lahntal die Treue gehalten und die Stätten seiner früheren Wirksamkeit öfter besucht. In Arfurt selbst ist die Erinnerung Fritz Muck gänzlich erloschen. Nur die Wiese bei Heymanns Mühle, wo einst die Ockermühle stand, heißt bis auf den heutigen Tag "Mucke-Heck".

 

Max Leidl

Alte und neue Schule, Mehrzweckhalle

Im Rahmen der Ausführungen über die Ortsgeschichte darf auch ein Wort über drei kulturellen Zielen dienenden Bauten nicht fehlen, die für unser Dorf bedeutsam waren und es noch sind.

Zunächst ist unsere alte Schule zu nennen. Kaum stand die neue Kirche, gingen unsere Vorfahren mit erstaunlichem Opfermut daran, ein Schulhaus zu errichten, weil die Behelfsräume auf dem alten Backhaus und in anderen Gebäuden die ständig wachsende Kinderzahl nicht mehr fassen konnte. Nach altem tierischem Brauch stellten sie die Schule bewußt in den Schatten der Kirche, um aus den Kraftquellen dieser beiden Bauwerke Sinn, Heiligung und Ertüchtigung für ihr Leben zu empfangen.

Da beim Einmarsch der Amerikaner 1945 die Schule Behelfsstelle wurde, und nach dem Abrücken der fremden Truppen Schulakten und -chronik verschwunden waren, ist uns mancherlei Wissenswertes über die Vergangenheit der Schule verlorengegangen. Aber das hatte sich schon vorher unserem Gedächtnis unverwischbar eingeprägt., daß an ihr eine ganze Reihe tüchtiger und erfolgreicher Lehrpersonen tätig gewesen war.

Aus den letzten Lehrergenerationen seien genannt:

H. Sauerwein

R. Reibert

N. Dommermuth

H. Schupp

H. Kupp

Max Leidl

Hans Rieck

Jakob Bausch

Anton Schneider

Maria Hoffmann

Rosa Hatschka

Ingeborg Groh

Theo Stahl.

Alle, die noch zu ihren Füßen saßen, werden, auch wenn sie keine patentierten Musterknaben waren, gern an ihre geistigen Erzieher zurückdenken. Sie haben ihre kleine Schulwelt mit ihrem Herzen umschlossen, und die Erinnerungen daran leben auf, wenn sie gelegentlich auf ihre Schulerlebnisse zu sprechen kommen: "Weißt Du noch . . .?"

Die neue Schule

Die alte Schule war, als die Kinderzahl nach dem Krieg allmählich sprunghaft anstieg, den Forderungen eines Normalunterrichts räumlich nicht mehr gewachsen., es mußte Schichtunterricht gegeben werden. Der Umbau war unrentabel, da das alte Mauerwerk starke Schäden aufwies. So wurde denn nach langjährigem Planen von der Gemeindevertretung unter Herrn Bürgermeister Willi Behr 1955 einstimmig der Bau einer neuen Schule beschlossen.

Außer den schon genannten Gründen war dieser Neubau auch aus kultureller Sicht eine Notwendigkeit. Denn inmitten der heutigen Auseinandersetzung von Kräften verschiedener Prägung und Dynamik - christlicher, außerchristlicher und antichristlicher - schreitet die Perfektion des äußeren Lebensablaufes fort durch nie gekannte Lebensmeisterung mit technischen Mitteln. In einem unpersönlichen Massendasein droht der Mensch unserer Tage zu versinken. Das Problem der Rettung seiner Person, seiner Entfaltung zur Persönlichkeit wird immer dringender, damit nicht über dem äußeren Fortschritt der innere, nämlich die Kultur der Seele und die Weckung der seelischen, sittlichen Kräfte versäumt wird, mit denen allein der Mensch Herr des äußeren Fortschritts bleibt. Auch unser Dorf befindet sich, wie alle dörflichen Gemeinschaften, in einer Umbruchsituation, die die Grundhaltung des ländlichen Menschen und seine Arbeitsweisen neu zu formen beginnt. Der zeitbedingte Kontakt mit den Formkräften des ständig fließenden Lebens erzwingen diesen Wandel.

Wir Menschen müssen uns in der Zeit, in der wir hineigeboren wurden, bewähren und deren geschichtliche, soziale und geistige Besonderheiten zu bewältigen versuchen - für den Erzieher eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe, weil er in diesem schnellebigen industrialisierten Zeitalter bemüht sein muß, die ihm anvertrauten Kinder aus tiefen Quellen der Religion und überhaupt des geistigen Lebens so zu speisen, daß sie Kraft und Mut haben, ihr Lebensschicksal zu meistern, ihr Leben tief und wertvoll zu gestalten. Intensive Bildungsarbeit ist deshalb die Forderung der Stunde. Auch von diesem Standpunkt aus war darum der Bau der neuen Schule zu begrüßen. Begonnen im Herbst 1955, war er im Frühjahr 1957 fertiggestellt. Nach der Einweihungsfeier am 16. März konnten die Kinder mit ihren Lehrern am 18. März zum ersten Mal mit großen Erwartungen die Schulräume zum Unterricht betreten.

Aber nicht bloß ihnen diente die Schule als geistige Bildungsstätte, sie war seither oft ein begehrter Tagunsort für die Studenten des pädagogischen Instituts und für die Junglehrer, die sich hier in frommen Geben und Nehmen dankbar Anregung für ihre Erziehertätigkeit holten.

Die Mehrzweckhalle

Noch keine 7 Jahre später, am 18.1.1964, konnte Arfurt wiederum einen für das ganze Dorf wichtigen Tag begehen: die Einweihung der Mehrzweckhalle.

Warum auch dieser Bau? Seit die Gastwirte des Dorfes ihre Säle wegen Unrentabilität oder Wohnungsmangel aufgegeben hatten, entbehrte man eine Stätte der Gemeinschaftspflege. Es fehlte ein großer Raum für körperliche Ausbildung, ebenso für Vorträge und Erwachsenenbildung. Die motorisierte Jugend verbrachte ihre Freizeit bei allen möglichen Veranstaltungen in der näheren Umgebung, anstatt im Heimatdorf. Um den genannten Mängeln abzuhelfen, entschloß sich die Gemeindevertretung zum Bau der Mehrzweckhalle.

Inzwischen hat sich zur Genüge erwiesen, daß der Bau reichlich seinen Zweck erfüllt. Er dient nicht bloß den Zielen, für die er ursprünglich geplant war, sondern auch familiären Feierlichkeiten. So fand die Familienfeier des Herrn Primizianten P. Dickopf hier statt. Die Vereinen finden sich zu ihren Familienabenden hier zusammen. Der Kirchenchor gab im vergangenen Dezember ein schönes Konzert. Manche Hochzeit wurde bereits in der Halle gefeiert.

Und so ist zu hoffen, daß sich auch in Zukunft die Worte erfüllen, die am Einweihungstag gesprochen wurden: "Möge von dieser Stätte ausstrahlen der geist edler Freude, die Kameradschaft und Treue, der Opfergesinnung und des gelebten Glaubens in den grundsätzlichen Entscheidungen des Lebens, wie in den kleinen Dingen des Alltags, dann trägt sie mit Recht ihren Namen Mehrzweckhalle"

 

Anton Schneider